Angst

Ob ich Angst habe? Ich habe Angst. Angst vor den Atombomben, Angst vor dem großen Hund in der Nachbarschaft und Angst vor Dir. Bist du eigentlich der den ich kenne, oder zu kennen glaube? Oder bist Du ein Anderer, von Irgendwo. Du kannst es mir nicht sagen. Du kannst es mir genauso wenig sagen, wie der Wind. Der Wind der in kalten Wintertagen über das Feld rast. Mit seiner zerstörerischen Kraft. Niemand weiß woher er kommt, oder wohin er geht. Kannst du mir sagen wer Du bist?

Es fällt Schnee. Vielleicht kann man bald den Schlitten aus dem Schuppen holen und den Berg hinab sausen. Vielleicht hört es aber nicht mehr auf zu schneien. Was ist dann? Kann ich dann noch das Haus verlassen, oder gehe ich mit der ganzen Welt unter. Unter in einem einzigen Berg Schnee. Vielleicht verfärbt sich der Schnee auch rot. Was ist dann? Kann es sein, daß jemand die Erde aufgeschlitzt hat, und jetzt statt Wasser Blut vom Himmel fällt? Wer war es? Waren es die Außerirdischen, die schon seit jeher mit ihren Schiffen unsere Erde besuchen und uns beobachten. Mit ihren großen Insektenaugen starren sie auf uns herab, und warten nur auf eine Gelegenheit uns den Gar aus zu machen. Oder war es eine Rakete die in das All gestartet wurde? Oder warst es am Ende Du?

Ich kann nicht weg. Ich kann Dir nicht entfliehen. Du bist überall. Auf der anderen Straßenseite, der Mann mit dem Hut und der Zeitung. Das bist Du. Der Schaffner in der U-Bahn, der sich immer so höllisch freut wenn er wieder einen Schwarzfahrer erwischt hat. Das bist Du. Es gibt nicht viele Stellen wo ich Dir entwischen könnte. Du bist überall. Das dunkle Haus, in dem seit Jahren keiner mehr gewohnt hat, und in dem trotzdem in der Nacht Licht brennt. Was kann das sein? Oder wer? Es gibt viele Geschichten, die von alten verlassenen Häusern handeln. In allen spukt es. Es gibt Gespenster, Phantome, Monstren. Man kann sie nicht abreißen. Man kann nur immer wieder Opfer bringen. Man kann ihnen nicht entgehen. Denn immer wenn man meint entkommen zu sein, merkt man daß man in einem eingezogen ist.

Der große Kerl auf dem Schulhof, mit den schwarzen Haaren, der schwarzen Lederjacke, der schwarzen Jeans und den schwarzen Socken. Er lauert, um mir meine Lebensenergie auszusaugen. Und seine Freunde. Genauso finster. Ich glaube, die würden sogar den Tod persönlich erwürgen. Und dann die Dunkelheit. Sie ist das schlimmste. Nie weiß man wo man ist, wer man ist. Man ist in einer anderen Welt. Junge, geh nach Hause und schließ die Fenster. Und sperr auch die Türen zu. Der schwarze Mann kommt. Du kannst ihn in der Dunkelheit nicht sehen. Genauso wenig wie ich Dich sehen kann.

Aber Schlösser sind für dich kein Hindernis. Du kommst überall durch. Aus jedem Kanalloch kommst Du. Jede Wasserleitung ist gut genug für Dich. Oder Steckdosen. Kannst Du durch die Leitungen kommen? Bist du in meinem Radio, der Kaffeemaschine oder in der Lampe? Ich weiß es nicht. Ob ich im Jungel oder in der Arktis, Du findest mich. Ich kann nicht entkommen. In jedem Wald, in jedem Moor bist. Du zu finden. Doch Du findest mich leichter. Wenn die Zeit gekommen ist, dann findest du mich. Meistens habe ich keine Ruhe mehr vor Dir. Soll ich versuchen zu entkommen? Besser nicht. Sonst errege ich nur Deinen Zorn. Und dann bist Du gefährlicher als vorher. Kannst Du mich finden?

Wo kommst Du her? Wo gehst du hin? Ich will es nicht wissen. Ich will sein wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Eigentlich kommst Du nirgendwo her. Du bist einfach da. Du bist in tausend Gestalten gesehen worden. Doch deine Herkunft ist unbekannt. Waren es die Außerirdischen, die Dich brachten? Warum? Wir wollen dich nicht. Ich will Dich nicht. Aber ich muß mit Dir leben. Warum? Dein Einfluß ist überall zu spüren. In jedem Lied, Gegenstand oder nur der Luft. Überall. Überall. Ich kann Dich nicht ausrotten, wie man es mit der Pest tat. Ist die Pest Dein Verbündeter, oder nur Gehilfe? Ich kann Dich nur bannen. Für wie lange? Ich weiß es nicht.

Manche Leute machen Geld mit Dir. Ich bin auch so einer. Ich muß. Muß ich wirklich? Oder befiehlst Du es mir nur? Es kommt mir vor wie eine Sucht. Gevatter Sucht. Kennst Du ihn? Eigentlich müßtest Du. Man hat versucht Dich in Bilder zu bannen. Oder in Worte zu kleiden. Doch niemand wird Dich los. Auch ich nicht. Es geht nicht. Ich habe es oft versucht, weißt Du noch? Doch dann kann ich nicht mehr, ich sehe Dich an, und lade Dich auf ein Stündchen ein. Meistens werden es Tage oder Monate. Aber Dir macht das nichts. Du kannst überall sein. Du hast es nicht eilig zu gehen. Und wenn Du dann endlich gegangen bist, vermisse ich Dich. Dann frag ich mich: Was wird nun aus mir? Aber du läßt nicht lange auf Dich warten. Wenn ich allein bin, dann klopfst Du ans Fenster, und ich sage wieder: komm doch rein. Vielleicht brauche ich Dich. Aber ich gebe es nicht zu. Genauso wenig wie Du zu gibst mich zu brauchen. Egal.

Wie alt bist Du? Älter als die Menschheit hast Du mir mal gesagt. Doch ich glaube Dir nicht. Du bist viel Älter. Ich glaube Du bist der Anfang des Lebens, und Du wirst auch sein Ende sein. Viel kann man Dir nicht mehr beibringen. Oft bringst Du mir was bei. Wie klein ich doch bin. Höre ich Dich gerade die Treppe herauf kommen? Wahrscheinlich ist es nur die Katze. Doch ich bin bereit. Komm und leiste mir etwas Gesellschaft. Ich kann Dich nicht aufhalten.